NOVEMBER 2016 KÖNIZER ZEITUNG DER SENSETALERGEMEINDE KÖNIZ19Ernst kehrte nie mehr zurück Auswandern im 19. Jahrhundert: Emmental–Argentinien einfachOBERWANGEN – Ein Name, ein Geburtsdatum und ein Beruf. Mehr wusste Simon Geissbühler nicht, als er sich auf Spurensuche nach seinem Ururgross-onkel Ernst begab, der im 19. Jahrhundert nach Argentinien emigrierte. Was er nach knapp zwei Jahren Recherche gefunden hat, ist weit mehr, als er sich erhofft hatte…Wie sich Ernst Geissbühler ge-fühlt haben mag, als der Hafen von Le Havre immer kleiner wurde, bis er schliesslich ganz verschwand? Welche Hoffnun-gen und Sorgen haben den ge-rade einmal 21-Jährigen auf seiner dreiwöchigen Reise nach Argentinien begleitet? Mit wel-chen Erwartungen ging er der fernen Zukunft entgegen? «Auf dem Schiff muss ihm wohl die Endgültigkeit seines Entscheids bewusst geworden sein», ist Si-mon Geissbühler überzeugt, dass es für Ernst spätestens ab diesem Zeitpunkt kein Zurück mehr gab.Ernst Geissbühler war einer von Millionen, die aus Europa nach Übersee ausgewandert sind und einer von Tausenden Schweizern, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Südamerika emigrierten. Es war eine Zeit, in der die Anzahl Auswanderungen jene der Ein-wanderungen in die Schweiz klar überstieg. Eine beliebte Destina-tion für Emigranten war Argen-tinien, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Hoch-blüte erlebte. Das «Goldene Zeit-alter» war geprägt von Fortschritt und ökonomischem Wachstum. Wollte sich Ernst, aufgewachsen im beschaulichen Studen im See-land, ein Stück von diesem Ku-chen abschneiden?Gründe, weshalb Menschen ihre Heimat verlassen, gibt es viele. Hunger, Krieg oder Verfolgung, aber auch bessere Lebensbedin-gungen oder Abenteuerlust sind Motive, die Menschen zum Aus-wandern bewegen. Welche waren es bei Ernst? Und wie erging es ihm in der Ferne? Diese Fragen beschäftigten Simon Geissbüh-ler, seit er bei seinen Grosseltern einen mysteriösen Eintrag im Fa-milienstammbaum entdeckt hat-te. «Ernst, geboren 1868, Farmer, Buenos Aires.» Mehr Hinweise gab es nicht zum Mann, der vor gut 130 Jahren alle Brücken in die Schweiz abgebrochen hat. Keine Briefe, keine Fotogra en. Ausgestattet mit diesen beschei-denen Informationen machte sich Simon Geissbühler vor zwei Jahren auf die Suche nach Ant-worten. Er habe damit ein Ver-sprechen an sich selbst eingelöst, betont der 43-jährige Diplomat, den die Laufbahn auf verschiede-ne Aussenposten des Eidgenös-sischen Departements für aus-wärtige Angelegenheiten (EDA) geführt hat. Nach mehreren Jah-ren in Polen und Rumänien lebt die vierköp ge Familie derzeit in Oberwangen, im Jahr 2017 geht es wieder ins Ausland. «Wer im-mer wieder abseits der Heimat lebt, beschäftigt sich vermutlich verstärkt mit der Frage, was Hei-mat bedeutet.»Die Suche dokumentiert der Au-tor einerseits mit Tagebucheinträ-gen, in denen er und Daniel Ryf, sein Helfer in Argentinien, sub-jektive Eindrücke, Erlebnisse und persönliche Gedanken festhalten. Entstanden ist eine berührende Erzählung über einzelne Schick-sale. Ergänzt wird sie mit einem Überblick über die Geschichte der Schweizer Auswanderung nach Übersee und das Goldene Zeitalter Argentiniens. Nach knapp eineinhalb Jahren wähnt sich der Historiker und Politologe Geissbühler am Ziel seiner Reise – am Grab seines Ururgrossonkels, das sich in ei-ner kleinen Industriestadt in der Pampa, weitab der grossen Zen-tren, be ndet. Damit ist seine Reise aber noch längst nicht zu Ende. Was er entdeckt, übersteigt seine Erwartungen: Er stösst auf Ernsts Nachfahren, darunter eine 94-jährige Enkelin, die sich noch vage an ihren Grossvater erin-nern kann. «Die argentinische Familie Geissbühler spricht kein Schweizerdeutsch und lebt keine Schweizer Traditionen. Nichts erinnert daran, dass ihre Vorfah-ren aus der Schweiz kommen», musste Simon Geissbühler rasch einmal erkennen. Erst als er das Buch fertiggestellt hatte, reali-sierte er, dass Ernsts Geschichte vor allem die einer erfolgreichen Emigration und Integration ist. Was der Vater zweier Söhne erst während seiner Recherchen he-rausfand: Als Kind verlor sein Ururgrossonkel bei einem Un-fall einen Arm. Die Behinderung sei wohl einer der Hauptgründe gewesen, weshalb er ganz von vorne habe beginnen wollen, ist Geissbühler überzeugt: «Ernst hat sein Schicksal aktiv ange-packt. Das beeindruckt mich.» Yvonne MühlematterSimon Geissbühler, (*1973) Dr. rer.soc., hat an der Universität Bern und in den USA studiert. Er ist His-toriker, promovierter Politologe und seit 2000 Diplomat. Seit 2013 ist er stellvertretender Chef der Ame-rika-Abteilung des Eidgenössischen Departements für auswärtige An-gelegenheiten (EDA). Er publiziert regelmässig zu verschiedenen The-men. Daniel Ryf (*1988) hat internatio-nale Beziehungen in Genf und Si-cherheitspolitik in Madrid studiert und spezialisiert sich seit 2015 an der Universität Buenos Aires in Menschenrechtsfragen. Simon Geissbühler, Daniel Ryf: Der einarmige Auswanderer. Zürich, 2016. 140 S., 12 Abb. NZZ Libro. Fr. 34.– (UVP) / € 34.– Einwanderer im Hafen von Buenos Aires, wo auch Ernst 1889 ankam. | Foto: zvg
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